BauLust-Denkmodelle: Zeppelintribüne - Null oder Hundert?

Denkmodelle zwischen Wiederherstellung und
Totalabbruch, die die vielen Möglichkeiten im
Umgang mit dem nationalsozialistischen Erbe
auf dem Reichsparteitagsgelände zeigen

 

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Mit dem Reichsparteitagsgelände besitzt die Stadt Nürnberg ein kulturgeschichtlich beeindruckendes und für den Tourismus seit langem herausragendes Alleinstellungsmerkmal. Keine andere Stadt Europas kann für sich in Anspruch nehmen, solch gewaltige architektonische und sowohl in städtebaulicher wie auch kultischer Hinsicht bedeutende Zeugnisse einer barbarischen Kulturentgleisung auf seinem Grund und Boden zu wissen. Dies ist nur in Nürnberg der Fall mit dem Gelände der Reichsparteitage aus der Zeit des Nationalsozialismus.

Um die Faszination für dieses besondere Kapitel in der jüngeren Vergangenheit Deutschlands angemessen würdigen und einschätzen zu können, muss wenigstens der zentrale Ort der gesamten Anlage, die nach dem Vorbild des Pergamonaltars von Albert  Speer entworfene sogenannte Zeppelintribüne, erhalten und wieder vollständig saniert werden.

Dazu gehört auch die Wiederherstellung der Kolonnaden. Auch wenn es sich dabei nur um eine reine Schau- und Kulissenarchitektur handelt, wird es nur die vollständige Rekonstruktion der Tribüne Besuchern und künftigen Generationen ermöglichen, dem historischen Schauder begegnen zu können, der mit einer Annäherung und einem möglichen Begreifen der wahnwitzigen und wahnsinnigen Abgründe des NS-Regimes einhergeht. Nur eine 100%-ige Rekonstruktion der zentralen Tribüne in Form und Material kann verdeutlichen, welchen Eindruck die gesamte Anlage einmal gemacht haben muss und zur Erklärung der damit verbunden gewesenen Faszination beitragen.

Ließe man die Tribüne verfallen, ginge die Verbindung zu jenem eiskalten Zauber verloren, der sich aus der menschlichen Lust am Grauen speist und der sich unsere Vorfahren vor 80 Jahren fast widerstandslos hingaben.

Dies soll freilich nicht heißen, wieder zukünftige Reichsparteitage heraufbeschwören zu wollen,
ganz im Gegenteil. Durch die Besetzung des gesamten, ehemals riesigen Areals während vergangener Jahrzehnte mit den unterschiedlichsten Aufgaben und Funktionen (genannt seien hier Arena, Messe, Volksfest, Wohnen und Freizeit und die Parkplätze auf der zum Teil rekonstruierten „Großen Straße“) ist der gigantische Gesamtcharakter dieser Anlagen heute ohnehin nur noch schwer nachvollziehbar.

Eine akribische Rekonstruktion wäre deshalb beispielhaft für alle Überreste des Aufmarschgeländes und somit auch in  pädagogischer Hinsicht wichtig. Gleichzeitig wäre sie auch Baustein für den heutigen Pluralismus der Gebäude auf dem Gelände und würde die Stärke unserer jungen Demokratie unter Beweis stellen. Nach Jahrzehnten der Verdrängung ist eine Wiederherstellung – durchaus auch im Sinne einer  gesellschaftlichen Provokation – unverzichtbar und wird die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit befeuern.

Wie die Behörden der Stadt Nürnberg darlegen, muss die Tribüne unbedingt in einem vernünftigen und begehbaren Zustand erhalten werden, um einer Mystifizierung des Geländes und besonders des „Goldenen Saals“ im Inneren der Tribüne vorzubeugen. Diese begehbaren und damit sinnlich erfahrbaren Zeugnisse und baulichen Hinterlassenschaften der Nationalsozialisten müssen unseren  Nachfahren für ein unmittelbares Geschichtserlebnis auch in Zukunft weiterhin zur Verfügung stehen können.

Allerdings wäre eine Rekonstruktion der Gebäude aus Respekt vor den Opfern des Nationalsozialismus nicht angebracht. Deshalb werden bei der Sanierung der Oberflächen Ersatzmaterialien zum Einsatz kommen, die aber die Gestalt der Gebäude nicht beeinträchtigen werden.

Vielmehr sollen die Ergänzungen erst auf den zweiten Blick sichtbar und die Bauschäden, die jetzt den Gebäudeeindruck stark beeinträchtigen, behoben und damit unsichtbar gemacht werden. Die Tribüne wird wieder von allen Seiten jederzeit zugänglich sein und die Nürnberger Freizeitsportler werden sie endlich wieder zum Skaten und Tennisspielen an der Rückwand benutzen können.

Die profanisierende Nutzung des Geländes durch alle Bürger wird hier endlich zurückkehren können und außerdem wird es den wirtschaftlichen Nebeneffekt geben, dass die Touristenattraktion Reichsparteitagsgelände damit noch attraktiver wird!

Allerdings müssen wir uns im Klaren darüber sein, dass ein Austausch des Oberflächenmaterials eine Überformung der Substanz, sozusagen einen Weiterbau der Ruine bedeutet. Diese Veränderung
des ehemals authentischen, historischen Materials muss von einer gestalterischen und pädagogisch-konzeptionellen Überformung begleitet werden.

Ein künstlerischer oder architektonischer Eingriff in die Gebäudesubstanz, wie ihn bereits das Dokumentationszentrum zeigt, wird zwingend notwendig sein, um eine Sanierung mit Gussbetonsteinen zu rechtfertigen.

Der kontrollierte Totalverfall erscheint bei genauerem Hinsehen als die einzig angemessene Lösung für die Hinterlassenschaften der nationalsozialistischen Verbrecher. Sollen wir jenen und ihren rechtsradikalen Jüngern heute etwa diesen letzten Triumph gönnen, dass wir in demokratisch legitimierter, gefühlsduseliger und widersprüchlich begründeter Denkmalschutzbegeisterung letzte Zeugnisse der Demagogie und des Größenwahns, eines abgrundtiefen Hasses auf Teile der Menschheit und der Lust am eigenen Untergang auch noch erhalten wollen? Welche Absurdität demokratischen Denkens!

Eine Erhaltung der Ruinen des einstigen Aufmarschgeländes würde die längst verblasste Strahlkraft  des Nationalsozialismus möglicherweise sogar wiederbeleben und stärken.

Eine Erhaltung der Überreste der Konzentrationslager, jener Beweis- und Zeugnis-Orte für die größten und schlimmsten Menschheitsverbrechen, des minutiös organisierten, industriellen Massenmordes, eine Erhaltung dieser Überreste muss dagegen unbedingt und für lange Zeit gewährleistet sein und bleiben.

Ein bewusster und kontrollierter Verfall der Gebäude auf dem Gelände der Reichsparteitage wäre ein deutliches Zeichen dafür, dass unsere Gesellschaft den Nationalsozialismus endgültig überwunden hat, aber weiterhin bewusst und mit großem Respekt vor der Geschichte an die geschehenen Verbrechen erinnern will. Niemand sollte dieses Gelände im Sinne der Nazis wiederbeleben können.

Warum will man fast 70 Jahre nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft einzelne Teile  der Anlage jetzt sanieren? Zeigt der Verfall nicht am anschaulichsten, wie totalitäre Regime enden?

Nach nur 13 Jahren waren Hitler und der Nationalsozialismus katastrophal gescheitert, hatten große Teile der deutschen Bevölkerung unter seiner fanatischen Führerschaft gemordet und Europa mit unsäglichen Gräueltaten überzogen und verwüstet.

Diese nie ganz zu heilende Wunde unserer Gesellschaft würde auch als Trümmerhaufen noch für lange Zeit sichtbar bleiben und hier als Denk- und Mahnmal ihren Ausdruck finden. Warum sollte man also diesen alten Geist jetzt wiederbeleben?

Eine vollständige Überdachung schlägt sozusagen „zwei Fliegen mit einer Klappe“! Einerseits wird die Tribüne vor dem weiteren Verfall geschützt, zumindest wäre dieser auf lange Zeit hinausgeschoben und der Goldene Saal kann wieder zugänglich gemacht werden, um dem Publikum zu zeigen, mit welch einfachen gestalterischen Mitteln die nationalsozialistische Kulissenarchitektur versuchte, die Bevölkerung für sich zu gewinnen.

Andererseits wird durch geschickte Dimensionierung des Daches der frühere Gesamteindruck wieder hergestellt werden können, als die Pfeilergalerie noch auf der Tribüne stand.

So wird man eine Rekonstruktion umgehen und die Gebäuderuine als authentisches Zeitzeugnis noch für längere Zeit bewahren können.

Die Überdachung verleugnet den architektonischen Eingriff nicht und demonstriert deutlich den Willen zum Erhalt der Tribünenreste.

Der funktionale Mehrwert der Tribüne sowohl als authentischer Lernort als auch als Ort vielfältiger profaner Nutzungsmöglichkeiten wird ernorm steigen.

Zunächst spricht Vieles dafür, einen langfristigen Totalverfall anzustreben. Allerdings sollte einer möglichen späteren Mythologisierung und Mystifikation des Nationalsozialismus und des damit verbundenen architektonischen Erbes vorgebeugt werden.

Dies kann am besten dadurch geschehen, dass zumindest besondere Teile der Gebäude – wie z. B. der sog. Goldene Saal der Zeppelintribüne – vor dem raschen Verfall geschützt werden und noch eine gewisse Zeit begehbar bleiben.

Erlebbar wären dadurch insbesondere die Banalität und künstlerische Ausdruckslosigkeit der gestalterischen Details sowie die Ausführung der auf schnellen Effekt ausgelegten Kulissenarchitektur und wie sie in ihrer Wirkung auf den Einzelnen funktionierte.

Es wären letzte Zeugnisse einer seltsamen, heute nicht mehr nachvollziehbaren Faszination, der vor 80 Jahren ganz offensichtlich Millionen erlegen sind.

Ein Schutzdach zum Beispiel würde den Verfall stark verlangsamen. Die dadurch gewonnene Zeit sollte genutzt werden, um weiterhin Erziehungsarbeit zu leisten und um aufzuklären, damit sich ein Regime wie das des Nationalsozialismus niemals wird wiederholen können, mit der Hoffnung, eines Tages auf die Überreste völlig verzichten zu können.

Diese Variante müsste aus der Sicht aller Verantwortlichen eigentlich die beste Lösung sein,  denn einer weiteren demokratischen Umwidmung des Areals sollte unbedingt Rechnung getragen werden.

Mit dieser Variante wird endlich Platz geschaffen für einen oder mehrere Informationspavillons und gleichzeitig mehr Gelegenheit geboten für die vielfältigen Nutzungen, die auf dem Gelände inzwischen stattfinden.

Bei einem Erhalt der Ecktürme würden die ehemaligen Baumassen auch weiterhin gut erlebbar bleiben. Dabei muss auf notwendige und wichtige Erinnerungsprozesse nicht verzichtet werden.

Gut und gezielt platzierte Schautafeln ergänzen die Reste der Gebäude, die begehbar erhalten bleiben können als musealer Kern der Anlage. Im Boden eingelassen bleiben Markierungen der Grundrisse, um als Bodendenkmal die Ausmaße der Tribüne sinnlich nachvollziehbar und wahrnehmbar zu machen.

Durch die Verbindung von Schautafeln und begehbaren Orten wird das Gelände und die damit verbundene Geschichte begreifbar, ohne zu faszinieren und zu verführen. Der kultische Charakter der Tribüne wird zerstört und verliert damit seine Anziehungskraft für die rechte Szene. Die Überreste funktionieren nur noch als Informationssystem.

Regelmäßige Führungen und die Einrichtung einer Aussichtsplattform auf dem Silberbuck ergänzen die Maßnahme. Von dort oben können große Teile der Anlage überschaut werden.

Wie schon oft ausgeführt und von vielen Bürgern gefordert, ist es wirklich an der Zeit, fast 70 Jahre nach Ende des II. Weltkrieges und dem Untergang der nationalsozialistischen Diktatur, die letzten Überreste des Regimes zu beseitigen.

Aber wir sollten dies nicht mit einem Bagger tun, sondern diese Aktion gezielt zur Völkerverständigung einsetzen.

Es wird deshalb vorgeschlagen, dass jedes Jahr im Sommer ein internationales Camp eingerichtet wird, wo vor allem Jugendliche aus allen Ländern dieser Erde zusammenkommen, um gemeinsam diese architektonische und gesellschaftliche Wunde zu versorgen und zu schließen, d. h. die Gebäude des früheren Aufmarschgeländes mit eigenen Händen gemeinsam abzutragen und damit gleichzeitig den Aufbau einer kulturell vielfältigen Völkergemeinschaft zu feiern.

Wahrscheinlich wird es viele Jahre dauern, bis der letzte Stein beseitigt sein wird, aber bis dahin werden viele Freundschaften zwischen unterschiedlichsten Nationen geschlossen sein und wird das Verständnis für jeweils anders denkende, andersfarbige, anders aussehende Menschen gewachsen sein.

Irgendwann einmal wird das Gelände geebnet sein und wir markieren nur die Umrisse der Gebäude wie ein Bodendenkmal. Die internationalen Sommercamps zur Begegnung der Jugend der Welt aber sollten unbedingt fortgesetzt werden, vorbeugend.